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Stuttgarter Nachrichten, 23.11.2010:
Zwölf Töne und eine weiße Leinwand
Wie Lars Franke und Johannes Knecht aus Franz Liszts „Via crucis" packendes Kirchentheater machten
Gleich, denken wir, wird sie hereinstürmen: Tosca, die Sängerin aus Puccinis gleichnamiger Oper, ein feuriges dreifaches „Mario!" auf den Lippen. Doch der Künstler, den wir am Sonntagabend in der dunklen Johanneskirche malen sehen, ist weder Tenor, noch heißt er Cavaradossi, und er bleibt allein.
Still steht der Schauspieler Christoph Kail vor einer Staffelei unter der Kanzel der Stuttgarter Johanneskirche; still greift er, während der Pianist Jun Bouterey-Ishido eine Melodie spielt, die klingt wie der Anfang eines romantischen Sehnsuchtsliedes, zur Palette. Und erzählt, was auf seinem Bild zu sehen sein soll: Licht, der Kreuzweg Christi, die Menschen am Wegesrand, Simon, die drei Marien. Rezitiert werden Textpassagen aus José Saramagos Roman „Das Evangelium nach Jesus Christus". Dann steht der Dirigent Johannes Knecht auf, und der Philharmonia-Chor singt, während er durch das dunkle Kirchenschiff zieht, unbegleitet einen mittelalterlichen Choral. Franz Liszts Oratorium „Via crucis" von 1878 ist ein ebenso merkwürdiges wie anrührendes Werk: eine musikalische Kreuzweg-Meditation, die zerrissen ist zwischen Stilen, Zeiten und Empfindungen, zwischen Gottesglauben und dunkler Verzweiflung, Kirche und Welt, Bewahren und Aufbegehren. Es tun sich tiefe Klüfte auf: zwischen den immer länger werdenden Halbtonwanderungen des einsamen Klaviers, den kurzen Einwürfen von Chor und Solisten, den vertonten „Stabat Mater"-Passagen der Liturgie und den Chorälen, die wirken wie nachträglich gesetzte Befestigungsschrauben an einem zerbrechenden Kunst-Konstrukt. Die Klüfte des fortwährend fragenden Stücks lassen sich trefflich mit fragenden Bildern füllen, und der Regisseur Lars Franke hat genug Wissen, Musikalität und Ideen, um aus dem selten gespielten Stück eine packende szenische Fantasie zu machen. Dass Frankes Bebilderung, die Walther Lorenz wirkungsvoll ins Licht setzt, nicht nur auf dem Versagen von Bildern und Sprache angesichts des Leidenswegs Christi fußt, sondern dieses Versagen zu ihrem eigentlichen Thema erklärt, macht vor allem die Qualität des Abends aus. Wir sehen Studenten der Musikhochschule (Isabella Froncala, Haruna Yamazaki, Gabriele Lesch, Timo Schnabel, Johannes Mooser, Till Schwarz) und den Chor. Die Möglichkeiten der Darsteller sind begrenzt, doch mit Vehemenz bringen sie sich ein in Frankes Strategie des ikonografischen Spiels und der Brechungen. Vor dieser Folie greift der naive Choralton des „O Haupt voll Blut und Wunden" umso stärker ans Herz. Was bleibt? Grablichter. Und die ängstliche Deutung der Nachgeborenen: Menschen, die sich beim einsamen „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?" aus dem Kirchenvorraum verzweifelt zum Tanzen aneinanderklammern. Zurück bleiben Fragen über Fragen, zwölf Töne, ein Weltbild und eine Tonalität, die ihre Zentren und ihre Unschuld verloren haben. Bestehen bleibt, was über die Wirklichkeit des Lebens hinaus tragen kann: der Glaube, die Kunst. „Ave crux, spes unica" („Heil dir Kreuz, unsere Hoffnung") singt der Chor zum Schluss. Dabei dreht Maria Magdalena die Staffelei noch um, die uns der Maler vorenthielt. Die Leinwand ist weiß und leer. (Susanne Benda) |