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Schwäbische Zeitung, 12.07.2011:
Requiem: Brahms bewegt noch heute
Dirigent Johannes Knecht entschlüsselt mit Solisten, Chor und Orchester das beeindruckende Werk
Zwiefalten. Für sein Requiem hat Johannes Brahms selbst die Texte aus dem Neuen Testament in Luthers Übersetzung ausgewählt. Er schuf ein zeitlos gültiges Werk. Johannes Knecht stellt im Münster Zwiefalten eine Interpretation vor, die mit dem Philharmonia Chor Stuttgart, der Studentenphilharmonie Tübingen und vor allem den Solisten Daniela Gerstenmeyer (Sopran) und Julian Orlishausen (Bariton) unter die Haut ging. Der Prolog zum Requiem steigt aus der Tiefe auf und gewinnt melodische Prägnanz über Cello und Bratsche. So entsteht die Vorlage für den Eingangschor „Selig sind, die Leid tragen“. Die Chorstimmen erheben sich von Schmerz und Leid in aller Intensität zu den Höhen „denn sie sollen getröstet werden“. Johannes Knecht führte seinen Chor zu exakter Interpretation „die mit Tränen säen, werden mit Freude ernten“. Die Studentenphilharmonie Tübingen erwies sich in sinfonischer Besetzung als feinfühlig agierendes Orchester in deutlichem Wechsel zwischen chorischen Begleitphasen und eigener vielfarbiger Darstellung. Besonders der Dialog der verhalten agierenden Bläser mit den warmen Klängen der Streicher entsprach dem künstlerischen Anspruch romantischer Musikliteratur. Im homogenen Zusammenwirken des vierstimmig ausgelegten Chores hat das vor 105 Jahren entstandene Werk nichts von seiner Faszination eingebüßt. Brahms schuf mit mächtigen Chorfugen aufrüttelnde und befreiende Gegensätze, die den Zuhöreren unter die Haut gingen. Julian Orlishausen füllte mit seiner gestaltungsfreundlichen Baritonstimme mühelos den großen Kirchenraum. „Siehe, meine Tage sind eine Hand breit vor dir“ war nur ein Beispiel, wie er mit dezenten und mächtig aufsteigenden Phasen sich als kompetenter Gesprächspartner mit Chor und Orchester verstand. Dieses Einfühlungsvermögen prägte die Psalmworte „Wie lieblich sind deine Wohnungen, Herr Zebaoth“. Aufschäumendes Lob ebnete den Weg für die Sopranistin Daniela Gerstenmeyer. Mit der inneren Schönheit ihrer in allen Lagen abgerundeten Stimme verkündete sie „Traurigkeit wird sich in die Freude des Herzens wandeln“. Herrlich weite Stimmbögen, aus dem Innern aufsteigend, versinnbildlichten den Trost, den nach Jesaja nur eine Mutter geben kann. Ohne Text- und Notenvorlage hinterließ sie einen tiefen Eindruck bei den Zuhörern. Nach dem machtvollen Klang der Posaune legt Brahms in chorischer und instrumentaler Breite seine Überzeugung dar: „Der Tod ist verschlungen in den Sieg“, interpretiert in vollem Jubelklang. Zusammen mit dem Eingangschor bildet die Gewissheit „Selig sind die Toten“ die musikalische Klammer einer außergewöhnlichen Komposition. Solisten, Chor und Orchester agierten mit spürbarer Hingabe, von den Zuhörern erst nach langem Schweigen mit reichem Applaus bedacht. (Kurt Ziegler)
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